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Was ich heute flsche, ist morgen schon von gestern? (Karl Valentin); zur italienischen Debatte ber eine Rekonstruktion der Michelangelo- Fassade von San Lorenzo in Florenz, aus deutscher Sicht
26-09-2012
Wolfgang Neustadt M.A.

ber Rekonstruktionen historischer Architektur wird berall trefflich gestritten. Die Debatten gehen nicht nur Architekten, Stadtplaner, Denkmalpfleger, Kunsthistoriker oder Politiker etwas an, sondern alle. Das beweist das Brgerengagement in Berlin (zum Schlowiederaufbau s. u.a. Jrgen Tietz/deutsche bauzeitung), in Frankfurt (zu den historisierenden Neubebauungen des Rmers s. Matthias Alexander/FAZ) oder Dresden (Dankwart Guratzsch/Die Welt, dito J. Tietz/ Neue Zrcher Zeitung). Zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche besteht vor allem in westdeutschen Denkmalkreisen ohnehin weiter anhaltender Nord-Sd-Dissens.

Die Ausstellung Geschichte der Rekonstruktion- Konstruktion der Geschichte 2010 in Mnchen rckte die Fragen zu Architekturrekonstruktionen verdienstvoll ins Blickfeld. Der Umgang mit Ruinen, historischen Baufragmenten und ex-novo Wiederaufbauten wurde schon im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland, in Ost und West, unterschiedlich begrndet (vgl. die Dresdner Wiederaufbauten von Semperoper, Zwinger, Schloss, Hof- und Kreuzkirche, ferner den Neuaufbau der Frankfurter Paulskirche, s. auch den Umgang mit der Ruine der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedchtniskirche. Sowohl das bewusste Bewahren der Ruine der Frauenkirche zu DDR-Zeiten wie ihre komplette Rekonstruktion nach der Wende sind politisch aussagekrftig und somit weiterhin umstritten.

Was wurde schon so alles in Europa in der 2. Hlfte des 19. Jh. rekonstruiert, frei ergnzt oder historisierend neu erfunden, im Zuge des (nunmehr wiederaufgewerteten) Historismus. Einer seinerChefideologen war der Franzose Eugne Violett-Le-Duc. So entstanden in Deutschland auch erst im 19. Jh. die Domfassade in Kln (nach jahrhundertelanger Bauunterbrechung), die Kathedraltrme in Ulm und Regensburg, in Italien die Mailnder Domfassade sowie die zwei Prospektschalen am Dom Santa Maria del Fiore und von Santa Croce in Florenz.
Die Gegenbewegung zu den historisch fragwrdigen Architekturrekonstruktionen wurde angefhrt von John Ruskin, der die Kultivierung des materiellen Verfalls propagierte, mglichst ohne jegliche erhaltenden Eingriffe. Beispiele fr dahinsiechende historische Architektur fand er zuhauf in Italien, vor allem in Venedig. Wenn ein historischer Bau schlielich seine Funktion nicht mehr erfllen konnte, war ein Neubau vorzuziehen anstelle eines reparierenden Eingriffs.
Die Kluft zwischen diesen zwei Extrempositionen wurde zumindest auf deutschsprachiger Seite um 1900 von den Vtern der nordalpinen Denkmalpflege Georg Dehio und Alois Riegl eingeebnet. Historisierende Aufhbschung, gar Rekonstruktionen wurden als sndhaft verteufelt, ein Verfall war durch konservierende Eingriffe aufzuhalten.

Cesare Brandi gab diesen theoretischen Grundstzen mit seiner Teoria del Restauro 1963 modernen systematischen Inhalt und Form. Er bleibt bis heute der magebliche Denkmal- und Restaurierungstheoretiker, vor allem bei uns hier. Seine hilfswissenschaftlichen Theorien fanden Eingang in die ebenfalls bis heute gltige Carta di Venezia 1964: Restaurierung soll eine Wiederherstellung der potenziellen Einheit eines Kunstwerks anstreben unter Bewahrung seiner historischen Spuren, ohne historische oder knstlerische Flschung (restauro critico). Die Quadratur des Kreises also!

In Italien gab es nun im Sommer 2011 einen spektakulren Streitfall um den/einen erstmaligen ex-novo Bau nach existierenden Michelangelo-Fassadenentwrfen fr die San Lorenzo Basilika in Florenz. Die Diskussion ist mittlerweile entschieden, und zwar dagegen. Die jeweils gefhrten Argumente vermgen gleichwohl neue Aspekte in die hiesigen andauernden, denkmaltheoretisch verkrusteten Auseinandersetzungen einzubringen.

Der deutsche Kulturkreis denkt angeblich zutiefst romantisch. Bei Lichte gesehen hat er aber ein sthetisch hchst paradoxes, gebrochenes Verhltnis zum Unvollstndigen, zur Ruine, zu im Kunstwerk innewohnenden Gegenstzen und Brchen, generell zum Fragmentarischen in Kunst und Architektur. Das beweist nicht nur unser oben angedeuteter Umgang mit den historischen Baurelikten nach 1945.

In Italien dagegen lsst sich bis heute, somit weit ber Brandi hinaus, ein auffallend fragmentfreudiger Umgang bei historisch-architektonischen Projektierungen konstatieren (vgl. grundlegend zum unterschiedlichen Formempfinden Heinrich Wlfflins Einfhlungssthetik in: Italien und das deutsche Formgefhl; ein Ansatz des spten 19. Jh., der leider durch die rassistische NS- Vereinnahmung bis heute deutlich geschdigt bleibt und somit offenbar weiterhin wissenschaftlich hinderlich ist). Beim modernen Bauen im Bestand geht man dort im Zuge der Postmoderne wesentlich erfrischender vor (vgl. ab ca 1950 den Protagonisten Carlo Scarpa, nachfolgend u.a. Massimo Carmassi, Guido Canali, Mario Piana, Paolo Marconi u.a., vgl. in Deutschland Hans Dllgast, Mnchen, Karljosef Schattner, Eichsttt, zuletzt David Chipperfield/ Architekt und Wolfgang Wolters/Kunsthistoriker als geistige Vter der restauratorischen Projektierung des Neuen Museums in Berlin).

Dem deutschen Italientouristen wird auffallen, dass italienische Kirchen in der Hauptfassade verbreitet nur ihre allerwerteste Unterkonstruktion zeigen. War es Not, waren es die geschichtlichen Umstnde oder Vandalen, die evtl. bereits ausgefhrte Fassadeninkrustationen als Steinbrche nutzten? Die Antwort darauf wird nur der Einzelfall hergeben.

Die Fassade nun von San Lorenzo in Florenz ist als nackter Ziegelbau eine der berhmtesten italienischen Unvollendeten. Der 393 n.Chr. geweihte Baukrper wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten zweimal grundlegend berformt, bis er schlielich zur Hauskirche der Medicidynastie schlechthin wurde. So geschehen 1059 sowie 1418 21 mit Brunelleschis Neuplanung und Vollendung 1461 durch Antonio Manetti.
Man muss sich der herausragenden Bedeutung dieses Bauwerks klar werden, um die Diskussionen in der italienischen ffentlichkeit verstehen zu knnen. San Lorenzo gehrt zu den Kronjuwelen der Renaissance, ranggleich wie Santa Maria del Fiore, Santa Maria Novella, Santa Croce oder Santo Spirito. Nahezu die gesamte Kunstgeschichte des 15. - 16. Jahrhunderts findet hier statt (Brunelleschi, Donatello, Verrocchio, Lippi, Settignano, Rosso Fiorentino, Pollaiolo, Bronzino). Der Bau ist eine einzige Anthologie exemplarischer Exellenzen (so Antonio Paolucci, Direktor der vatikan. Museen). Natrlich war auch Michelangelo Buonarroti dabei, er plante ab 1520 die Medici-Grber in der neuen Sakristei und entwarf die spter ausgefhrte Biblioteca Lorenziana. Bereits 1515 erhielt er von Papst Leo X., Sohn von Medicifrst Lorenzo il Magnifico, den Auftrag fr die Fassade, der aber 1520 wahrscheinlich aus Kostengrnden storniert wurde. 1521 verstarb Leo X.

Das Michelangelo-Museum Casa Museo Buonarroti verwahrt sowohl autografe Fassadenplne wie auch eines der zwei erhaltenen zeitgenssischen Holzmodelle. Michelangelos Entwurf sah einen rechteckigen Prospekt in weiem Carrar-Marmor vor, ausgefhrt als bis zu sechs Meter tiefer Vorbau (Narthex), mit krftig profilierten Gurtgesimsen, Nischen, Sulenstellungen, Reliefs und Skulpturenprogramm, von letzteren sind jedoch keinerlei Baudetails berliefert.

Besonders in der rezenten Vergangenheit zog man wiederholt einen Fassadenneubau in Erwgung. Zuerst war es Maria Luisa de Medici, die 1737 eine Rekonstruktion nach den Michelangelo Plnen vorschlug. Dann kam Mattei da Seravezza 1895, der dafr einen eigenen nennenswerten Beitrag spenden wollte. Das Projekt wurde schlielich zu einem Wettbewerb umgebogen, an dem 75 Architekten teilnahmen. Alle Versuche blieben ergebnislos.

2011 nun bekam das erneut seit ca 2006 grende Rekonstruktionsprojekt eine politische Dimension. Florenz' Brgermeister Matteo Renzi konnte sich erneut fr die Idee erwrmen. Gerade Renzi, der sich, von allen Lagern anerkannt, denkmalpflegerisch- stadtplanerisch bereits fr Florenz verdient gemacht hatte, als er historische Altstadt mit Domplatz freimachte vom Auto- und Schienenverkehr und eine Fugngerzone durchsetzte.
Sein neuer Anlauf geht zurck auf Eugenio Giani, den ehemaligen Direktor des Michelangelo-Museums, mittlerweile Prsident des Stadtrats. Er veranlasste 2006 allnchtliche Video-Projektionen des Michelangelo-Entwurfs auf die unvollendete Fassade. Ein Riesenerfolg. Giani rekrutierte ein Brgerkomitee, bestehend aus heimischen Sponsoren, Unternehmern und Hoteliers, mit dem Plan einer ephemren Plastikfassade, die schlielich als Eingangsportal des Florentiner Flughafens noch htte herhalten knnen. Der Zeitpunkt fr die Ausfhrung lag gnstig. 2015 war das magische Jahr: 500 Jahre Fassadenentwurf fr San Lorenzo sowie 150 Jahre Florenz als temporre italienische Hauptstadt der Risorgimento-Bewegung. Veranschlagte Kosten: 2,5 Millionen uro. Sogar amerikanische Sponsoren standen schon bereit. Die Idee erschien zudem hilfreich fr den ohnehin anstehenden Masterplan des San- Lorenzo-Viertels mit seinem dahinsiechenden Kirchenvorplatz. San Lorenzo gehrt, nahe dem Dom gelegen, zum grten touristisch nutzbaren Areal in Florenz. Ein Referendum sogar sollte den Neubau legitimieren. Nach nationalen Protesten liegt das Projekt jedoch nun auf Eis. Bis zum nchsten Versuch.

Die San-Lorenzo-Fassade war fr mehrere Wochen das nationale Kulturthema. Namhafte Kritiker, Architekten und Denkmalpfleger fhrten das Wort: Vittorio Sgarbi/Kunstkritiker, Antonio Paolucci/Direktor der vatikanischen Museen, Tomaso Montanari/Kunsthistoriker und Kritiker, Gabriele Morolli/ Architekt, Massimo Cacciari/ Philosoph/Kritiker/Politiker und vor allem Cristina Acidini/Chefin des Museumspools Florenz und kommissarische Leiterin des Opificio delle Pietre Dure/OPD, einer der zwei bedeutendsten staatlichen Restaurierungsinstitute. Letztlich war man recht einhellig gegen den Neubau. Es gab aber unberhrbare Unterne, so richtig freimachen von der Grundidee wollte oder konnte sich fast keiner. So wurde mehrfach eingerumt, dass ein solches Projekt durchaus interessant, gar charmant sei (Sgarbi, Montanari). Der Florentiner Architekturprofessor Gabriele Morolli sah den Vorschlag als eine bedenkenswerte, gar visionre Provokation. Im Chor der vorsichtigen Befrworter wurde moniert, dass Florenz grundstzlich rckwrts gewandt sei mit dem Gefhl, das Beste der Geschichte hinter sich zu haben, insofern htte eine neue provokante Idee durchaus Sinn (Montanari).
Filippo Giovanelli (Firenze curiosit) stimmte zu: Florenz brauche neue kulturelle Stimulation mit Neubewertung seines Erbes mittels moderner Kunst. Dabei knne die Rekonstruktion der San-Lorenzo-Fassade eine groe Herausforderung sein in glcklicher Paarung seines grandiosen Kunsterbes mit den modernen technologisch- knstlerischen Fhigkeiten der Michelangeli der Gegenwart.

Letztlich blieben die Hauptverfechter Renzi und Giani allein auf weiter Flur, die Diskussion ebbte mit dem klassischen Ferienmonat August 2011 abrupt ab.
Herausragender Meinungsfhrer gegen die Rekonstruktion, ganz im Sinne der staatlichen Denkmalpflege, war Antonio Paolucci (Direktor der vatikanischen Museen). Er gesteht zwar das berraschungsmoment bei unvoreingenommenen Besuchern ein, dass ein derart herausragender Bau jemals ohne Fassade geblieben war. Das Bauwerk sei und bleibe aber gerade in seiner heutigen berlieferten Form ein authentisches Dokument fr eine unvollendete, historisch hchst bedeutende Baustelle. Sowohl fr die Geschichte der Stadt als auch in untrennbarer Verknpfung mit Person und Werk Michelangelos. Niemand wird sich heute seris herausnehmen knnen, es knstlerisch oder technisch mit einer Baustelle des frhen 16. Jahrhunderts in vergleichbarer Ausdrucksstrke aufnehmen zu wollen. Aus einer Rekonstruktion knne nur Flickwerk hervorgehen, da detaillierte Planvorlagen fehlten. Ein Kunstwerk bestehe schlielich auch aus ungeplanten pltzlichen Konzeptnderungen, in- situ- Korrekturen des Autors, wovon sich heute rein nichts mehr erahnen liee. Stil, Techniken sowie knstlerische Ingenisitt des 16. Jh. mssten ohne Hoffnung auf ein befriedigendes Ergebnis auf modernes Denken und Planen treffen. Damit war schon (fast) alles gesagt.
Tomaso Montanari (Kunstwissenschaftler, Publizist) sah die Gefahr, dass sich damit Florenz sklavisch dem touristisch geprgten Leitbild, Disneyland oder Las Vegas vergleichbar, vollends opfere. Superkitsch also.
Eher peinlich kam Massimo Cacciaris Kritik daher (Philosoph, Politiker), als er die bereits in Florenz vorhandenen zwei Qulgeister (gemeint waren die zwei Fassaden des 19. Jh.: Dom und Santa Croce) geringschtzig als vollkommen ausreichend bezeichnete. Damit muss ihm ein Lapsus unterlaufen sein, als er damit offenbar vollkommen unreflektiert die Architekturleistungen des 19.Jh. ber den Kamm abqualifizierte.
Auch Cristina Acidini (Direktorin des Museumspools Florenz) wandte entsprechend ein, dass Florenz doch bereits zwei ex novo Fassaden bese, was reichen msse. Wo liegt der Sinn, etwas aufzubauen, was nie existierte? Gerichtet gegen Theorie und Praxis des franzsischen Denkmalpapstes Viollet-Le-Duc (18141879), dessen Grundsatz lautete:Architekturrestaurierung kann nicht nur heien, Architektur zu erhalten, zu reparieren oder zu rekonstruieren, sondern sie in einen Zustand zu versetzen, der nie existiert hat. Genau das wre jedoch mit diesem Projekt der Fall gewesen. Beider Argumente (Cacciari und Acidini) erscheinen in ihrem historischen Ansatz wenig stringent. Sind doch genau die zwei genannten Fassadenneubauten des Florentiner Doms und Santa Croces kunsthistorisch als eigenstndig bedeutende Interpretationen aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und anerkannt. Dies ist zumindest hierzulande hart erkmpfter common sense der letzten ca 25 Jahre mit der berflligen, fr viele offenbar immer noch schwer zu verdauenden, Neubewertung des Historismus. Montanari zeigt genau in diesem Sinne skrupellos auf die Wunde, wenn er letztlich aber dem Projekt weiterhin ablehnend gegenbersteht. Schon die Rekonstrukteure von Dom- und Santa-Croce- Fassade im ausgehenden 19. Jh. bauten ja keineswegs entsprechend vorhandener Konzepte vorhergehender Jahrhunderte. Beide Fassaden seien sehr wohl als originale Kunstwerke lebendiger Knstler auf der Hhe des Historismus zu sehen. Diese zwei ex novo Rekonstruktionen stellten beileibe keine architektonische Nekrofilie dar (krankhafte Leichenfledderei). Und er geht noch weiter. Wenn wir letztlich heute die Bedeutung der beiden umgesetzten historistischen Fassadenentwrfe anerkennen, wre doch schlssig, analog einen qualittversprechenden internationalen Wettbewerb auszuschreiben und Renzo Piano, Richard Rogers, Santiago Calatrava, Frank Gehry etc einzuladen.
Vittorio Sgarbi (Kritiker) versuchte auch, trotz ebenso grundlegender Ablehnung, der Rekonstruktionsidee noch etwas abzugewinnen, als er sich gar nicht abgeneigt auf die Multimedia-Projektionen des Michelangelo- Entwurfs auf die unvollendete Fassade 2006 bezieht. Alternativ zur faktischen Ausfhrung des Neubauprojekts knne er sich allnchtlich ganz ephemer und schmerzfrei entsprechende 3D- Projektionen weiterhin gut vorstellen (Entwurf und Umsetzung von Natali- Multimedia in Zusammenarbeit mit der Architekturfakultt der Universitt Florenz; Technik: 2 Videoprojektoren 20.000AL Full-HD; das Spektakel wurde nach 2006 mehrfach wiederholt).

Die italienischen Meinungsuerungen sind erfrischend, gar berraschend und durchaus konstruktiv fr die Diskussionen hierzulande. Der eigentliche Grund fr die Ablehnung des Projekts ist aus unserer Warte gesehen jedoch differenzierter zu sehen, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Nach unserem Verstndnis bleibt es fr einen vergleichbar bedeutenden Kirchenbau wie San Lorenzo hier doch schlicht undenkbar, ausgerechnet seine Fassade, als das Aushngeschild, jemals unvollendet zu lassen. Groe Ausnahmen wie die nicht abgerissene Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedchtniskirche (sie wurde schlielich nur nach anhaltemdem Protest nicht abgetragen) oder die in der DDR bis zur Wiedervereinigung (!) bewut als mahnende Ruine belassene Frauenkirche besttigen die deutsche Denkmalregel.

Wer je in Italien unterwegs war, wei, dass zum einen unzhlige Kirchenfassaden un- bzw. nur teilvollendet geblieben sind (u.a. Abtei in Fiesole, San Petronio in Bologna usw). Er wei zudem, dass Fassaden von Kirchen, Villen, Wohnhusern oder auch besten Restaurants hufig einen ffentlich keineswegs strenden Verfall verherrlichen und damit ber die wahren inneren Verhltnisse signifikant hinwegzutuschen vermgen. Entsprechend unserer sehr deutschen Sichtweise: auen pfui, innen hui.
Er kennt auch die unzhligen antik- fragmentarischen Ausgrabungssttten. Das italienische Verhltnis zu Denkmalverfall, Ruine und Fragment weicht in Ruskinschem Sinne (vgl. anti-scrape und palimpsest) sprbar von unserem sthetischen Grundempfinden ab. Das italienische Auge strebt nicht nach sthetischer Vollendung, es wei mit architektonischen Brchen, Fragmenten, Ruinen und unvollendeten Zustnden gut umzugehen.

Eine Stimme im Chor der italienischen Kritik blieb noch (fast/s.o.) ungehrt. Die differenzierte Argumentation von Cristina Acidini (Museumspool und OPD, Florenz) musste dem aufmerksamen hiesigen Zeitgenossen zu denken geben. Sie mchte nmlich ex novo-Rekonstruktionen nicht a priori ausschlieen. Bei hartnckiger Ablehung jedoch einer rekonstruierten San Lorenzo Fassade. Wrde diese doch nicht nur die Basilika selbst, sondern das gesamte Stadtviertel urbanistisch verndern. Die Fassade stelle eben gerade mit ihrer Nichtvollendung ein fr ganz Florenz bedeutendes, historisches Zeichen dar, gar eine unberhrbare Ikone.
Man knne aber durchaus, das ist fr uns interessant, bereits ausgefhrte Rekonstruktionen auch in Italien neu bewerten wie zB die Wiederaufbauten durch uere Gewalt zerstrter oder abgegangener Bauwerke. So auch ber die Brcke Santa Trinit in Florenz (Original von Bartolomeo Ammannati 1567-70, zerstrt 1944 von deutschen Truppen, Wiederaufbau unter Zweitverwendung originaler Steine) oder den Glockenturm auf dem Markusplatz in Venedig, nach Einsturz 1902. Ganz explizit zieht sie dann den Vergleich zu auf ebenso tragische Einwirkungen wie durch Krieg zerstrte bedeutende Architektur in Deutschland und Polen, auch Beispiele in Frankreich wren zu nennen. Alle stehen fr erlittene Traumata, nach denen eine Gesellschaft sehr wohl das Recht haben msse, ein Bauwerk wiederzugewinnen als symbolischen historischen Wert.

Das sollte hierzulande aufhorchen lassen. Eine derartige Grundhaltung knnte nicht nur einer hiesigen nachhaltig orthodoxen Denkmalpflege, vor allem in Bayern, frischen Wind geben. Werden doch immer noch u.a. die modernen Rekonstruktionen der Frauenkirche und der Preussenschlsser in Berlin und Potsdam bayerisch theoretisierend infragegestellt, gar nachhaltig angefeindet. Ein interessantes Beispiel war die erst krzlich vernommene haarstrubende Provinzthese eines ffentlich bestallten bayerischen Hauptkonservators, besser gesagt Denkmalideologen: die Alterung der rekonstruierten Dresdner Frauenkirche werde wnschenswert dazu fhren, dass der leidige Kontrast zwischen den in der Fassade verwendeten Neubausteinen und den original brandgeschwrzten Spolien bald nicht mehr sichtbar sein wird (sic!). Ganz so, als wenn nicht gerade der denkmalpflegerische Wert der wiederaufgebauten Frauenkirche nicht in ihrem Wert als historisch mahnendes Dokument und Zeugnis liegen drfe. Die Neubauteile in Angleichung an die geschwrzten Spolien altern zu lassen, kann nur als denkmalpflegerische Flschung angesehen werden. Ganz im Sinne von Was ich heute flsche, ist morgen schon von gestern?. Nein, danke!
Dieses Denken steht fr eine dauerhaft verkleisternde Geschichtsideologie. Das Trauma 1933-45 ist offenbar immer noch nicht aufgearbeitet.

Ein saniertes architektonisches Geschichtsdenkmal muss bei uns aussehen wie neu oder in neuem Glanz, eben gesichts- , weil geschichtlos. Schon der Begriff Palimpsest ist hier gerademal Altphilologen bekannt. Denkmalpflege bedeutet bei uns (in Bayern) stets in Konkurrenz zu treten mit einem Neubau. Ein saniertes Baudenkmal braucht somit immer noch aushngende Zeittafeln, die auf seinen Wert als Zeitdokument verweisen mssen. Ruinen, Fragmente, gealterte Zustnde oder historische Brche tun sich in diesem Land weiter sehr schwer. Historisch in alternativem Sinne handelnde Denkmalarchitekten lassen sich an einer Hand abzhlen. David Chipperfield ist zudem Englnder, Wolfgang Wolters ist beruflich-ideologisch eher Italiener als Deutscher (Restaurierung Neues Museum in Berlin).
Denkmalpflege bleibt hier altbackene falsche Romantik, quantitativ zwar intensiv, qualitativ aber unhistorisch denkend. Wie sehr wird hierzulande restaurierungstheoretisch Cesare Brandi gepredigt, nur ist halt keiner drin! Geschichte muss auch architektonisch faszinieren, sie muss suggestiv, berraschend, gar provokativ sein drfen und Fragen ermglichen, das alles ist mit totsanierten Fassaden und Innenrumen etc nicht zu leisten.

Geschichte braucht hierzulande, vor allem in der Denkmapflege, eine neue, differenzierte Bewertung auch im Zusammenhang mit historisierenden ex novo Rekonstruktionen, auch des Spannungsfelds historischer Architektur oder ihrer Fragmente im modernen Bauzusammenhang. Dafr waren die italienischen Debatten ber die Fassadenrekonstruktion von San Lorenzo allemal beispielhaft und hilfreich.

Wolfgang Neustadt M.A.

(freiberuflicher Kunsthistoriker u. Bauforscher in der Denkmalpflege, Fachautor und bersetzer)



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